Konzentration bei Kindern fördern: Was bei den Hausaufgaben wirklich hilft
„Nur noch kurz, ich schreib grad was!“
Das Heft liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. Das Handy daneben. Es vibriert, dein Kind schaut kurz drauf, dann noch eine Nachricht. Und plötzlich sind zwanzig Minuten vergangen – und Aufgabe 2 ist immer noch Aufgabe 2.
Wenn du das kennst: Du bist damit nicht allein. In unserem Familienquiz ist Konzentration das Thema, das Eltern am häufigsten ankreuzen.
Die gute Nachricht: Konzentration ist nicht einfach da oder nicht da. Sie hängt stark davon ab, unter welchen Bedingungen ein Kind lernt. Und an diesen Bedingungen könnt ihr gemeinsam etwas verändern.
1. Erst hinschauen: Wann genau hakt es?
„Mein Kind kann sich nicht konzentrieren“ ist ein großer Satz. Hilfreicher ist es, genauer hinzuschauen:
- Fällt schon der Anfang schwer – oder lässt die Aufmerksamkeit nach ein paar Minuten nach?
- Ist es bei allen Fächern so oder vor allem bei einem?
- Zu welcher Uhrzeit wird gelernt? Direkt nach der Schule, hungrig, müde?
- Was liegt beim Lernen alles in Reichweite?

Ein paar Tage beobachten, ohne gleich einzugreifen, bringt oft mehr als jeder Tipp. Denn ein Kind, das nicht weiß, wo es anfangen soll, braucht etwas anderes als ein Kind, das nach zehn Minuten ständig abgelenkt wird.
Manchmal steckt hinter „unkonzentriert“ auch etwas ganz anderes: Die Aufgabe ist zu schwer, zu leicht oder der Sinn fehlt. Mehr dazu, wie Wollen, Sollen und Können zusammenhängen, liest du hier.
2. Ablenkungen aus dem Blickfeld – mit einem Handy-Parkplatz
Das Handy ist für viele Kinder die größte Ablenkung. Statt jeden Tag neu darüber zu diskutieren, hilft ein fester Handy-Parkplatz für die Lernzeit: ein Platz außer Reichweite, den dein Kind selbst mit aussucht.
Wie das genau geht und warum schon ein kurzer Blick aufs Handy so viel Zeit kostet, liest du in unserem Beitrag Handy bei den Hausaufgaben.
Das gilt auch für alles andere auf dem Schreibtisch: Nur das, was für diese Aufgabe gebraucht wird, liegt dort.
3. Eine Sache nach der anderen
Kurz Mathe, dann eine Nachricht beantworten, dann wieder Mathe, zwischendurch schauen, was die anderen machen – das fühlt sich nach „ich mach ja was“ an. Tatsächlich kostet jeder Wechsel Zeit: Der Kopf muss sich jedes Mal neu auf die Aufgabe einstellen. Das zeigt die Forschung zum Aufgabenwechsel (Rubinstein, Meyer & Evans, 2001) schon bei Erwachsenen.
Deshalb hilft eine einfache Regel: Eine Aufgabe fertig machen, dann die nächste. Wer möchte, legt sich die Reihenfolge vorher auf einen Zettel.
4. Kurze Lernblöcke mit einem klaren Ziel
„Lern jetzt für Englisch“ ist für ein Kind kaum greifbar. Wann ist man damit fertig?
Besser ist ein kleines, klares Ziel für einen kurzen Block:
- „Diese 10 Vokabeln“ statt „Vokabeln lernen“
- „Aufgabe 1 bis 3“ statt „Mathe machen“
Wie lang ein Block sein sollte, hängt vom Alter und vom Kind ab. Aus meiner Erfahrung als Lerncoach: Jüngere Kinder schaffen oft nur zehn bis 15 Minuten am Stück. Das ist völlig in Ordnung. Ein Küchenwecker oder Timer hilft, damit das Ende sichtbar ist – und nicht ständig auf die Uhr geschaut wird.
Lasst euer Kind ruhig selbst schätzen, wie lange es für eine Aufgabe braucht, und hinterher vergleichen. So bekommt es ein Gefühl für die eigene Zeit.

5. Pausen, in denen sich der Körper bewegt
Zwischen zwei Lernblöcken ist eine kurze Pause sinnvoll – am besten eine, bei der sich der Körper bewegt: ein Glas Wasser holen, ein paar Hampelmänner, kurz ans Fenster, einmal die Treppe hoch und runter.
In einer Studie mit Grundschulklassen (Mahar und Kolleg:innen, 2006) waren Kinder nach kurzen Bewegungspausen im Unterricht häufiger bei der Sache als vorher.
Was als Pause dagegen schlecht funktioniert: das Handy. Aus „nur fünf Minuten“ werden schnell dreißig, und der Wiedereinstieg fällt umso schwerer.
6. Ein fester Start – und Eltern, die nicht ständig reinkommen
Konzentration beginnt oft schon vor der ersten Aufgabe. Ein gleicher Ablauf hilft dem Kopf, in den Lernmodus zu kommen: gleiche Zeit, gleicher Platz, vielleicht mit der leichtesten Aufgabe beginnen, um in Schwung zu kommen.
Und noch etwas, das viele Eltern überrascht: Auch wir können eine Ablenkung sein. „Bist du schon fertig?“, „Hast du auch an Englisch gedacht?“, „Setz dich gerade hin“ – jede gut gemeinte Frage unterbricht.
Vereinbart lieber einen festen Moment, an dem ihr kurz drüber sprecht – zum Beispiel nach dem ersten Block. Den Rest der Zeit gehört die Aufgabe deinem Kind.
Wenn es trotz allem sehr schwerfällt
Wenn dein Kind sich über längere Zeit in vielen Bereichen kaum konzentrieren kann – auch beim Spielen, nicht nur bei den Hausaufgaben – und ihr euch Sorgen macht, sprecht mit der Lehrkraft und lasst euch in der Kinderarztpraxis beraten. Die Tipps hier ersetzen keine fachliche Abklärung.
Wo steht ihr gerade?
Konzentration hängt mit vielem zusammen: mit dem Lernplatz, mit dem Start, mit dem Lernen selbst – und auch damit, wie ihr als Familie miteinander lernt.
Wo es bei euch gerade hakt, ist nicht immer leicht zu erkennen. Genau dafür haben wir unser kostenloses Kleeblatt-Familienquiz entwickelt. Du beantwortest die Fragen aus deiner Sicht, dein Kind aus seiner. Daraus entsteht euer Familienlernprofil – ein Ausgangspunkt, um gemeinsam genauer hinzuschauen: Was läuft schon gut, und wo könnte sich etwas verändern?
Zum kostenlosen Kleeblatt-Familienquiz 🍀
✍️ von Mirabela Bagi – Mama von zwei Kindern und Lerncoach. Wer auf schnelle Lerntipps hofft, muss sich bei ihr oft zuerst ein paar Fragen gefallen lassen ;-). Denn aus ihrer Erfahrung mit Familien und Lernpsychologie weiß sie: Verstehen ist oft der erste Schritt zu einer guten Lösung.
Quellen
- Rubinstein, J. S., Meyer, D. E. & Evans, J. E. (2001). Executive control of cognitive processes in task switching. Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance, 27(4), 763–797. https://doi.org/10.1037/0096-1523.27.4.763
- Mahar, M. T. et al. (2006). Effects of a classroom-based program on physical activity and on-task behavior. Medicine & Science in Sports & Exercise, 38(12), 2086–2094. https://doi.org/10.1249/01.mss.0000235359.16685.a3